Just two wheels

Klein Finnland

14. Juli 2023

Am Anfang der Tour kann man sich ja nicht auf alles vorbereiten und so fuhren wir relativ ahnungslos in die baltischen Staaten und waren mehr als positiv überrascht. Die Natur wunderschön, die Menschen wunderbar und die besten Schlafplätze die man sich nur wünschen kann! Also falls ihr mal einen naturnahen Urlaub machen wollt: Ob wandern, Fahrrad fahren oder paddeln - die baltischen Staaten sind nur zu empfehlen!

Samstag 08.07.

Da ich Pfannkuchen für den Morgen versprochen hatte, fuhr ich in aller Frühe los durch das idylische Wald-/Wohngebiet zum "Dino" um Milch zu holen. Die Zeit, bis die Pfannkuchen ihre Bräune erreicht hatten, nutzten wir um mehr über sleepy.bike zu rede, ein neues Netzwerk, welches gerade von Maria und anderen Personen entwickelt wird. Maria schlug uns auch vor gerne noch einen Tag zu bleiben, da sie uns noch ihre Werkstatt zeigen und mehr über sleepy.bike reden wollte. Da wir die Zeit mit ihr echt genossen und ihre Pläne sehr verlockend klangen, stimmten wir diesem Vorschlag zu. Leider haben wir Kamera und Handys im Haus gelassen, so dass wir euch keine Fotos von ihrer Werkstatt und ihrem kleinen Hobbithaus im Garten ihrer Eltern zeigen können. Ihr müsst uns einfach vertrauen, dass beides seinen eigenen Charme hatte und uns definitiv inspirierte.

Sonntag 09.07.


Selten ist ein Tag auf unserer Fahrradtour so kreativ gestartet - Maria bastelte uns noch eine Flagge mit dem Logo von sleepy.bike sowie Kartoffelstempel, mit denen wir uns kreativ im Gästebuch austobten.

Bild von DSC00137

Diese ausgeartete Kreativität führte dazu, dass wir erst gegen 12:00 los sind und uns nach ein paar Schotterpisten direkt neben der Autobahn wiederfanden. Warum Autobahn? Naja weil wir halt ein Fahrrad sind und die Straße direkt daneben irgendwie die sinnvollste war. Etwas zuvor genossen wir noch ein sehr internationales Abendessen auf einem Parkplatz: kroatischer Tunfisch, polnisches Brot und rumänische Schokolade zum Nachtisch - Reisen kann interessant sein! Nachdem wir einige Kilometer gerade neben der Autobahn gedüst sind (leider nicht so schnell, wie die Autos auf der anderen Seite der Leitplanke), fragten wir in einem kleinen Dorf einen Mann ob wir in seinem Garten schlafen dürften. So direkt neben der Autobahn war uns nicht ganz geheuer... Dank https://deepl.com konnten wir uns verständigen und ein gutes Plätzchen im Garten finden, wo wir etwas außer Sichtweite der Hunde waren. Offenbar nicht gut genug, wie wir am nächsten Morgen erfahren mussten...

Montag 10.07.
Was geht eigentlich in den Köpfen von Hunden vor?! Irgendeine Windung läuft da vermutlich nicht ganz korrekt, denn besagter Hund entdeckte unser Zelt in der Nacht um 3:00 aufs Neue (obwohl er uns und die Akzeptanz seines Besitzers ja am Abend zuvor gesehen hatte). Und fing an zu bellen... Und hörte auch nicht mehr auf. Mit unserer Hintergrundgeschichte und solchen Hunden, war es mir nicht mehr möglich zu schlafen - da halfen auch Kopfhörer und Musik nichts. Genauso wie ich mich frage, wie manche Hunde so dumm sein können, frage ich mich wie Tilman in aller Seelenruhe bei diesem Gebell schlafen konnte... Naja am Ende entschieden wir uns gegen 4:00 das Zelt abzubauen und einfach weiter zu fahren. Auch zu liebe aller umgebenden Nachbarn.

Die morgendliche Luft war angenehm kühl - nur das Geräusch der Autobahn neben an war etwas störend, obwohl es vermutlich noch nicht sein Maximum erreicht hatte.

Bild von 2023-07-10-04-35-19-418

Als wir gegen 8:00 beim Lidl eintrafen um zu frühstücken, hatten wir schon 50km auf dem Tacho. Wie kommt das denn?! :D
In Ostrów Mazowiecka gab es auch ein Planetarium, das wir besuchen wollten. Als wir vor einem verschlossenen Eingangstor und einem Wärter mit Waffe standen, wurde uns sehr schnell klar, dass wir wohl heute kein Planetarium unserer Liste hinzufügen würden. Zusammen mit dem netten Wärter fanden wir heraus, dass sich das ehemalige Planetarium auf einen Militärgelände befindet und somit für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Naja... da es eh Zeit war ein bisschen Schlaf nachzuholen, nutzten wir den Schatten der Bäume um ein Kriegsdenkmal herrum als Mittagspausenplatz. Mittagspause um 10:00 halt.
Als es weiter ging, übernahm ich die Navigation, was nicht so schwer war, da es überwiegend geradeaus ging. Zwischendrin mit ein bisschen Offroad, was in Polen offenbar bedeutet Sand mit nervigen Traktorspuren, die einen ordentlich durchschütteln. Als wir, dank meiner eingerosteten Navigationskünste, eine Abbiegung um 100m verfehlten, hielt ein Auto neben uns an und fragte ob es uns gut geht und ob wir irgendetwas bräuchten - super lieb! Und als wir irgendwann die Autobahn hinter uns ließen wurde es auch etwas kurviger.

Bild von DSC00147

Nach einiger Zeit trafen wir auf den "Green Velo" - einem Fahrradweg entlang der Grenze Polens. So fuhren wir auf einem super asphaltierten Abschnitt durch dichte Wälder (mit Elchen und wilden Bisons), Feldern und Moore. Seit langer Zeit begegneten wir aufgrund der guten Infrastruktur auch wieder Fahrradtourern. Da um ums herum größtenteils Naturreservat war, schauten wir auf der Karte schon vorher nach einem Platz an der Grenze von Wald und Feld, wo kein Reservat verzeichnet war. Dort kämpften wir gegen eine Armada von Mücken, während die Sonne sich dem Horizont neigte und schliefen am Ende ohne das lästige Summen in unserem Zelt ein. Mit 172km in unseren Beinen.

Bild von DSC00151
Bild von 2023-07-10-20-14-21-894
Bild von 2023-07-11-07-35-32-155

Dienstag 11.07.

Nach dem Tag gestern, schliefen wir etwas länger und fanden auch schon einige Kilometer später einen schönen Rastplatz vom Green Velo. Sogar mit tierischem Besuch!

Bild von 2023-07-11-08-15-40-332

Leider setzte sich die bisherige Qualität der Green Velos nicht ganz durch, so dass wir plötzlich - ohne Vorwarnung vor einer abgerissenen Brücke standen. Mit circa 2 km harter Sandpiste hinter uns. Zurückkehren war also nicht wirklich eine Option. Wir bereiteten uns darauf vor unser Gepäck und die Räder nacheinander rüberzutragen, als die Bauarbeiter uns ihre Hilfe anboten und Tilman sogar in der Baggerschaufel über den Bach hoben! Eine ganz andere Episode von "Tilman wechselt das Vehikel"!

Bild von DSC00162
Bild von 2023-07-11-10-06-57-417
Bild von DSC00164

Die Sandpiste + Traktorspuren setzten sich noch einige Kilometer fort. Mit der Konsequenz von Kopfschmerzen meinerseits. Als wir gegen 15:00 in Antonow ankamen um einzukaufen waren wir gerade einmal 50km gefahren und verputzten etwas demotiviert unser Eis. Der Belag der folgenden Strecke war zum Glück etwas besser, sodass wir endlich das Gefühl hatten, dass wir mit der ganzen Energie, die wir reinsteckten auch tatsächlich vorwärts kamen! Wir schafften es sogar die polnisch-litauische Grenze zu überqueren! Genau an der Grenze gab es einen abgelegenen See und wir hatten die Idee, direkt auf der Grenze zu schlafen. Diese wurde leider durch einen unebenen Boden zunichte gemacht. Stattdessen fanden wir einen schönen Plateau direkt daneben, zwischen den Bäumen. So einen idyllischen Abend hätten wir uns noch in Antonow nicht vorstellen können!

Bild von DSC00172
Bild von 2023-07-11-20-06-05-351
Bild von DSC00174

Mittwoch 12.07.

Durch die Zeitumstellung von Polen nach Litauen, wachten wir in litauischer Zeit etwas später auf als sonst. Was uns auch ein bisschen zum Verhängnis wurde, denn unsere ersten "Gäste" am Morgen war die litauische Grenzpolizei. Aufgrund des NATO Gipfels in Vilnius gibt es verstärkte Grenzkontrollen und so fand uns auch die Polizei. Da Wildzelten in Litauen legal ist und wir unschuldig verpennt aussahen, ließen es die Beamten auf einer kurzen Personalausweiskontrolle und einem "schönen Tag noch" beruhen. Direkt hinter der Grenze war die Straße für ca 1 km perfekt asphaltiert und wurde dann leider zu einer altbekannten Sandpiste für die nächsten 8km. Zwischendrin machten wir Pause an einem richtig schönen See.

Bild von DSC00178
Bild von DSC00183

Vielleicht hätte Madita lieber mit uns durch Litauen fahren sollen anstatt durch das bergige Kroatien.... Generell sind unsere kommenden Tage geprägt durch Felder, Häuser, Hügel, Seen und Naturschutzreservate. Wir merkten richtig, wie wir innerlich entspannten. Tilman meinte, dass die Häuser ihn irgendwie sehr an Peterson und Findus erinnerten. Am Ende des Tages war die Landschaft vorallem durch Häuser und Felder geprägt - nicht ideal zum Wildzelten. Also fragten wir bei einer Frau im Garten und sie sagte sofort "Ja". Überraschenderweise sprach sie sehr fließend Deutsch und wir verbrachten einen interessanten Abend mit einer Tasse Tee bei ihr. Interessant waren vorallem ihre Weltvorstellungen, angefangen von flacher Erde, über Chemtrails bis hin zu einem Tunnel für Kinderhandel zwischen Kiew und dem Vatikan. Alles in allem konnte man aber gut mit ihr sprechen und sie verteidigte ihre Meinungen nicht sehr stark sondern fragte uns auch sehr viel über unsere Meinungen, unsere Erfahrungen auf Fahrradtour und insbesondere Tilman über das Leben in Mexiko. Hier zeigte sich mal wieder die verschiedenen Fazetten der Menschen. Sie war super lieb und gastfreundlich zu uns, trotz sehr (aus unserer Sicht) verschrobener Weltvorstellungen. Man kann einen Menschen also nicht immer nur auf Grund einzelner Ideen in Schubladen stecken. Sie können sehr vielseitig sein!

Donnerstag 13.07.

Dieser Tag begann, wie der vorherige endete. Nur mit weniger Mosquitos.
Mit Kaffee und Honig gestärkt fuhren wir weiter durch Wälder und Felder. Mit einem kleinen Toilettenstop an einer Tanke und einem anderen Toilettenstop im Wald. An einem der vielen Seen machten wir auch noch eine Mittagsschlafpause.

Bild von 2023-07-13-12-08-32-585
Bild von 2023-07-13-14-06-51-896

Zumindest einer von uns. An dem Punkt hatten wir nur einen Bruchteil der Kilometer, die wir eigentlich schaffen wollten und die Anstrengung der letzten Hügel addierten sich zu einem Motivationstief meinerseits.

Bild von DSC00192
Bild von DSC00197
Bild von DSC00198

Eine kleine Pause wirkt manchmal Wunder und wir nahmen uns vor in Finnland etwas entspannter zu fahren, da wildzelten überall erlaubt und möglich ist. Außerdem war Tilman sehr glücklich, da er ein cooles Foto von einem Fuchs geschossen hatte.

Bild von DSC00214

Es half auch, dass die Straßen wieder besser wurden und wir unser Wasser bei einem netten Herren auffüllen konnten. So ging es mit etwas mehr Motivation wieder hoch und runter, mitten durch Naturschutzreservate mit vielen Seen. In einem Reservat fanden wir sogar einen kostenlosen, versteckten Campingplatz direkt am See - scheint so ein Ding zu werden: Wildzelten am See. Was könnte es auch schöneres geben? :)

Bild von DSC00223
Bild von DSC00228

Freitag 14.07.

Wieder durften wir mit einer unglaublichen Aussicht aufwachen! Wir nahmen allerdings nicht den selben Weg wieder zur Straße zurück, den wir gekommen waren, sondern fuhren ein Stück weiter am See entlang. Der Morgen war super schön, auch wenn wir erstmal eine Sandpiste bewältigen mussten. Tilman hat sogar die Drohne steigen um zu sehen wie es von oben aussieht!

Bild von DSC00231
Bild von DSC00234
Bild von org_40810900f5123493_1689311748000

Wir fuhren wieder durch Naturreservate und dichte Wälder und machten nur gelegentlich Pause zum snacken oder nappen. Kurz hinter der Stadt, wo wir unsere Vorräte auffüllten, fuhr Tilman kurz rechts raus und fing an mit mir zu tanzen - gerade hatten wir unseren 15.000 Tourenkilometer geschafft!!! Wenn das kein Grund zur Freude ist?! Manchmal kommt es einem soooo weit vor und manchmal denkt man sich: wir haben doch gerademal ein paar Länder gesehen!

Bild von 15.000

Am späten Nachmittag kamen wir dann bei unseren WS in Visaginas.

Bild von DSC00269

Alex hat hier ein super cooles Projekt für Jugendliche uns sonstige Interessierte ins Leben gerufen - Tochka. Ein mehrstöckier Teil von einem Haus, übersäht mit Büchern und Kunst jeglicher Art. Werkstätten zum Kostüme schneidern oder einfach nur Räume zum lesen oder quatschen. Gut, dass wir hier noch einen ganzen Tag bleiben und somit erst den nächsten Blogeintrag mit Fotos zuklatschen! Alex zeigte uns den Raum in dem wir schlafen dürfen - ein Paradies für Kinder. Wie in einer Piratenhöhle! Wenn das nicht einlädt zum träumen, weiß ich auch nicht!

Bild von 2023-07-15-09-05-33-867